Männer in Väterkarenz und Elternteilzeit – Neuer Schwung seit 1. Jänner erwartet
-
|
Mehr
Ich habe mich fast wie ein König gefühlt: Dass man einem Mann die Tür aufhält, das habe ich vorher nie erlebt.“ Herbert Spiess war 1993 einer der ersten Vorarlberger, der in Väterkarenz gegangen ist. Sie sind zwar auch heute noch die Ausnahme, doch ihre Zahl dürfte ab diesem Jahr steigen, sagen Experten.
Vor allem die mit 1. Jänner eingeführte Möglichkeit, das Kinderbetreuungsgeld wahlweise nicht als fixe Größe anzunehmen sondern am vorigen Einkommen messen zu lassen, eröffnet Eltern neue finanzielle Perspektiven. Zu der Zeit, als Herbert Spiess drei Monate als Alleinverdiener in Karenz gegangen war, „bedeutete das anschließend ein kräftiges Minus am Konto“. Viel länger, räumt er ein, hätte sich das die junge Familie nicht leisten können.
Hauptmotiv Väterkarenz in Anspruch zu nehmen
Die staatliche Unterstützung ist seither wesentlich besser geworden. Das Hauptmotiv der Männer, für eine gewisse Zeit Schreibtisch oder Werkbank mit Wickeltisch und Staubsauger zu tauschen, ist aber ohnehin ein anderes. „Ich möchte die Gelegenheit wahrnehmen, mich gerade in der ersten Zeit aktiv um das Kind zu kümmern“, erklärt auch Walter Antonietti, „weil das nicht nur Aufgabe der Frau ist.“ Der Leiter der AK-Geschäftsstelle Bludenz geht ab Mitte August für drei Monate in Väterkarenz und wird zuhause beim jetzt acht Monate alten Moritz sein. „Vater und Kind haben sicher mehr voneinander, wenn man den ganzen Tag beisammen ist, als nur eine halbe Stunde am Abend nach der Arbeit oder am Wochenende. Das Zweite ist, dass meine Frau auch wieder die Möglichkeit hat, früher ins Berufsleben zurückzukehren.“
Inanspruchnahme ist noch gering
So konsequent wie Antonietti denken und handeln jedoch erst wenige. Bei den großen Arbeitgebern wie Blum, Vkw-Illwerke oder Liebherr sind es aktuell nur ein oder zwei Fälle von Väterkarenz, wie ein Rundruf der AKtion unter den Personalleitern ergab. Bei Spar hat es bisher noch gar keine Väterkarenz gegeben. „Das liegt vermutlich daran, dass wir hauptsächlich weibliches Personal haben“, sagt Martina Hagen. Nur 23 Prozent der 1600 Beschäftigten seien Männer. Doch selbst im „Männerbetrieb“ Omicron bildet erst ein Mann die Ausnahme. Personalleiter Harald Dörler: „Wir haben viele Techniker, das sind gut bezahlte Mitarbeiter, und in der Meinung der Bevölkerung ist die Rolle des Mannes als Familienerhalter noch tief verwurzelt. Das Thema braucht seine Zeit.“ Aber auch sein Kollege Johannes Berger bei Blum erwartet sich, „dass das in Zukunft stärker nachgefragt wird. Das gesellschaftliche Rollenverständnis von Eltern bzw. Vätern ändert sich.“ In Vorarlberg offensichtlich langsamer als anderswo: In Relation zum Bevölkerungsanteil müssten doppelt so viele Männer die Väterkarenz nützen als es im Durchschnitt der Fall ist.
Unwissen ist wesentlicher Faktor
„Viele haben auch gar nicht gewusst, dass man das machen kann“, stellte ORF-Redakteur David Breznik über die Reaktionen fest, als er im Vorjahr durch einen Blog im Internet das Publikum an seiner Väterkarenz quasi teilhaben ließ.
In der neuen, ungewohnten Situation „alles unter einen Hut zu bringen, braucht Neuorientierung und neue Absprachen in der Beziehung“, sagt Herbert Spiess. Der Lohn: „Es ist eine wunderbare Sache, wenn man als Vater sein Kind großziehen darf“, sagt Harald Vallaster. Er arbeitet als Betriebstischler bei Getzner, und hat sich für eine 18-monatige Elternteilzeit entschieden. Das heißt: Er arbeitet in diesem Zeitraum nur 60 Prozent und wechselt tageweise bei der Kinderbetreuung mit seiner Frau.
„Wir würden das wieder machen!“
Dass solche Flexibilität nur in großen Betrieben möglich ist, diese Ansicht widerlegt Gerhard Schuler aus Schruns. Er ist Werkstättenleiter eines 5-Mann-Autohauses in Schruns und hat zwei Jahre lang „nur“ vormittags gearbeitet. Mit größtem Wohlwollen der Chefs: „Wir würden das wieder machen“, bekräftigt Margarehta Ganahl, „nur so kann man heutzutage gute Mitarbeiter halten!“ Und Gerhard Schuler selbst stimmt mit den anderen Vorreitern ein: „Ich kann es jedem nur empfehlen. Man kriegt als Vater einfach viel mehr mit!“
Schwierig, wenn Väter später auf den Geschmack kommen
Helene B. und ihr Mann Frank hatten es sich ein bisschen unkomplizierter vorgestellt. Hat die Mutter nämlich ihre volle Karenzzeit angemeldet und will der Kindesvater nachträglich einen Teil davon übernehmen, sind Eltern auf das Entgegenkommen ihrer Chefs angewiesen.
Bevor Ende Oktober ihr erstes Kind auf die Welt kam, hatte die Sekretärin zeitgerecht ihrem Arbeitgeber mitgeteilt, die volle zweijährige Karenzzeit auszuschöpfen. Als das Kind auf der Welt und die Begeisterung groß war, stellten Helene und Frank fest: Eigentlich wäre es doch gut, wenn auch Frank einen Teil der Karenzzeit übernehmen würde. Frank erkundigte sich im Jänner bei der AK Vorarlberg, was da alles zu regeln wäre. „Rechtlich kann er sich mit diesem Wunsch nicht durchsetzen“, bedauert Dr. Brigitte Hutterer vom AK-Büro für Frauen und Familienfragen, „weil sie ihre Karenz schon angemeldet hat und nicht beide gleichzeitig in Karenz gehen können. Solche Fälle erleben wir in letzter Zeit immer öfter, denn viele Frauen melden ,automatisch‘ Karenz an, bis das Kind 24 Monate alt ist.“
Genaue Planung
Wenn sich ein Paar prinzipiell Väterkarenz vorstellen kann, dann sollte
- die Karenzteilung vorher angemeldet werden. Konkret heißt das: die Dauer, während der die Frau die Karenz übernehmen will, zum Beispiel zwölf Monate – ihre Zeitspanne zu verlängern, ist nämlich möglich
- der Mann muss seine Väterkarenz mindestens drei Monate vor Antritt seinem Arbeitgeber melden
- möglich ist, dass beide Elternteile einmal maximal einen Monat ihre Karenzzeit überlappen lassen. Dann aber wird die Gesamtdauer „hinten“ um einen Monat gekürzt.
Arbeitgeber müssen „mitspielen“
Den Wunsch von Helene und Frank B. die Karenzzeit aufzuteilen, können sie nun nur noch über zwei Möglichkeiten realisieren. Bei beiden, erklärte Dr. Brigitte Hutterer Frank B., müssen die Arbeitgeber mitspielen: „Die erste: Wenn ihr Arbeitgeber bereit ist, die Karenz zu kürzen und sie früher als vorgesehen wieder beschäftigt, könnte der Mann für mindestens zwei Monate mit allen Schutzbestimmungen in Väterkarenz gehen. Die zweite: Wenn der Arbeitgeber der Frau dazu nicht bereit ist, hat er die Möglichkeit mit seinem Arbeitgeber eine Vereinbarung zu treffen, dass er ohne Entgeltfortzahlung freigestellt wird. Dabei gelten allerdings nicht die Schutzbestimmungen der Väterkarenz!“
Neue AK-Broschüren
Die Fragestellungen der Eltern durch die komplexe Rechtslage werden immer spezifisicher. Deshalb teilt die AK Vorarlberg ihre Broschüre „Job & Kind“ in mehrere Einzelbroschüren auf. Sie erscheinen im Laufe des Februars und können ab sofort vorbestellt werden:
- Pflegefreistellung, Familienbeihilfe und Familienförderung: Wissenswertes für berufstätige Eltern
- Schwangerschaft, Mutterschutz, Wochengeld. Das Wichtigste für die erste Zeit.
- Karenz. Von der Begriffsbestimmung über Meldefristen bis zu bestimmten Sonderfällen.
- Elternteilzeit. Antworten zu Rechten und Pflichten von Teilzeitmöglichkeiten.
- Kinderbetreuungsgeld. Die aktuellen Änderungen über Anspruch, Zuverdienstgrenze und mehr.
Kostenlos bestellen unter
Telefon 050/258-8000 oder
bestellen@ak-vorarlberg.at
-
|
Mehr



