Wie der Mühlebach Mike Galelis Leben änderte
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Ob auf dem Laufsteg, vor der Film- bzw. Fotokamera oder auf der Theater-Bühne, Mike Galeli macht immer eine gute Figur.
Derzeit spielt er in Stefan Vögels „Boeing Boeing“ die Hauptrolle, in der Türkei ist er gefeierter TV-Serienstar. Er kommt allerdings ganz ohne Allüren aus und lebt seit 21 Jahren mit seiner Partnerin Renate zusammen, mit der er auch einen 5-jährigen Sohn hat.
Die AKtion traf sich mit dem 41-jährigen Unterhaltungs-Allrounder zum Gespräch in Götzis und erfuhr, was der novemberlich kalte Mühlebach mit seiner Arbeitsgenehmigung zu tun hatte, was er für die Integration seiner Landsleute tut und warum er goldene Tabletts nicht mag.
AKtion: Herr Galeli, in welcher Sprache träumen Sie?
Mike Galeli: (lächelt) Das kommt ganz darauf an, wenn ich lange in Istanbul am Drehen meiner Serie bin kommt es schon vor, dass ich auf Türkisch träume aber an und für sich schon eher in Deutsch.
Sie haben eine Lehre als Kfz-Mechaniker abgeschlossen, war das rückblickend richtig und wichtig?
Auf jeden Fall war es wichtig für meine Zukunft. Ich habe mich immer für Autos und das Basteln an ihnen interessiert. Aber es war gar nicht einfach, als Jugendlicher mit türkischem Hintergrund, eine Lehrstelle zu finden. Und es war eine große Portion Glück, ja fast Schicksal mit im Spiel.
In welcher Hinsicht?
Erst habe ich mir ein paar Schillinge an einer Tankstelle verdient, mit tanken, Scheiben putzen und Luftdruck kontrollieren. Als ich dann alt genug war um eine Lehre zu beginnen, habe ich mich auf mein Fahrrad gesetzt und bin Werkstätten im Raum Bludenz angefahren um zu fragen, ob sie einen Lehrling brauchen. Viele Absagen hatten mit meiner Herkunft zu tun und ich bin schon fast ein wenig frustriert in die Werkstatt von Peter Orlainsky gegangen. Er war der Erste, der mir überhaupt richtig zugehört hat. Ihm hat imponiert, dass ich Initiative zeige. Eigentlich hat er mir schon zugesagt, ich müsse allerdings selbst für eine Arbeitsbewilligung sorgen. Und dann kam die Ernüchterung.
Aber Sie haben sie bekommen, oder?
Nur über einen schicksalhaften Umweg, denn auf dem Arbeitsamt hat man mich erst abgewiesen und ich hatte meinen Traum schon begraben. Einige Zeit später spazierte ich mit meinem Zwillingsbruder am Mühlebach entlang und sah spielende Kinder. Auf dem Rückweg rannten uns Erwachsene schreiend entgegen und wir haben sofort begriffen, dass eines der Kinder in den Bach gefallen sein muss. Um die Geschichte etwas abzukürzen, mein Bruder und ich sprangen in den eiskalten Mühlebach und retteten den 2-Jährigen. Danach wurden wir vom Bürgermeister, Hermann Stecher, zu einer Ehrung eingeladen. Er hat mich gefragt, ob ich mir etwas wünsche. Ich sagte, dass es mein einziger Wunsch ist, eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen und er hat mir durch persönliche Intervention beim Arbeitsamt dazu verholfen.
Beim Dreh zu Ihrer ersten Serie in der Türkei soll es mit Ihrem Türkisch Probleme gegeben haben, Sie wurden synchronisiert. Haben Sie sich als „Migrant“ in Ihrem Geburtsland gefühlt?
Das hat mich sehr gestört und mir wehgetan. Ich dachte, wo gehöre ich denn überhaupt hin. Ich tat mir anfangs schwer mit der Anpassung, war ohne meine Partnerin und meinen erst wenige Monate alten Sohn Noha in Istanbul - und dann auch noch Sprachprobleme. Weil ich aber eine Hauptrolle besetzte, wurde mir Vieles nachgesehen. Nach zweieinhalb harten Jahren Dreh und parallel dazu Sprachausbildung war ich in der Lage ohne Synchronstimme auszukommen. Ich habe mich eben durchgebissen.
1989 wurden Sie zum Mister Vorarlberg gewählt, haben danach Drohbriefe bekommen, ihr Auto wurde zerkratzt. Was hat sich in Sachen Integration, von Menschen aus vieler Herren Länder, seit dieser Zeit in Vorarlberg aus Ihrer Sicht getan?
Ich glaube, es hat sich sehr vieles verändert. Vor zwanzig Jahren hat man in jedem Türken noch einen richtigen Feind gesehen, heute sind sehr viele Türken sehr gut integriert. Ich kenne türkische Anwälte, Ärztinnen, die sich rundum angepasst haben, die die Sprache beherrschen, in Sportvereinen mitarbeiten, sich am gesellschaftlichen Leben beteiligen. Vielleicht sind es jetzt Menschen aus anderen Nationen, die eher Probleme haben, weil es an Grundlegendem fehlt. Man muss ganz sicher die Sprache des Landes lernen in dem man lebt, um mit den Menschen in Kontakt zu treten und ihnen die Dinge aus eigener Sicht erklären zu können.Was empfinden Sie, wenn Sie Wahlplakate der FPÖ sehen, auf denen von Heimat und Einheimische die Rede ist oder Zeitungsinserate in denen mit verschleierten Frauen Ängste vor der muslimischen Welt geschürt werden?
(sehr nachdenklich) Ich habe mit vielen Politikern, egal welcher Partei sie angehören, eine freundschaftliche Basis. Ich empfinde Vorarlberg als meine Heimat und fühle mich hier wohl, auch wenn ich türkische Wurzeln habe. Ich weiß aber nicht, ob es unbedingt solche Aussagen im Wahlkampf braucht, nur um Stimmen zu bekommen. Ich würde mir da einen anderen Umgang mit Menschen wünschen, schließlich leben wir in einer globalisierten Welt.
Sie sind für viele türkischstämmige Jugendliche von heute, auf Grund ihres Erfolges, ein Idol. Nutzen Sie ihre Stellung auch manchmal um zu vermitteln, wie wichtig Integration ist?
Natürlich. Viele Türkinnen und Türken besuchen zum Beispiel jetzt die Volkstheater-Vorstellungen. Ich sage auch immer wieder, wie wichtig es ist sich umfassend zu informieren, auch im kulturellen Bereich. Mein Ziel ist es, mit gutem Beispiel voranzugehen. Aber das kann ich nur im Rahmen meiner Möglichkeiten machen, eben mit der Schauspielerei und der Mode. Wir Türken der zweiten und dritten Generation müssen da alle zusammen helfen und den Jugendlichen ein gutes Vorbild sein.
Sie leben in zwei sehr „gegensätzlichen“ Kulturen. Wie begegnet man Ihnen im „Ländle“ und wie in der Türkei – gibt es da Unterschiede?
Man arbeitet hier in Österreich sehr viel professioneller und genauer. Um nicht falsch verstanden zu werden, auch in der Türkei ist der Level sehr hoch, wo man es aber beispielsweise nicht so genau nimmt, ist Pünktlichkeit. Wenn man mir am Anfang gesagt hat, die Dreharbeiten beginnen um neun, war ich zehn Minuten vorher am Set, wie ich es hier gelernt habe. Der Rest der Crew kam dann bis ungefähr um halb zehn. Oder wenn ich von einem Chauffeur abgeholt wurde, ist der ständig eine viertel- oder halbe Stunde zu spät gekommen. Wobei ich aber sagen muss, dass die Leute in der Türkei ein ungeheures Maß an Flexibilität zeigen, alles wird möglich gemacht. Das Wort Nein gibt es dort definitiv nicht, alles geht. Aber es dauert eben seine Zeit, sehr viel Zeit. Das machen wir schon, heißt es dann, ob das aber heute ist oder übermorgen, wird offen gelassen. Und wenn ich etwas unbedingt heute gemacht haben will, nervt das natürlich. Ich versuche eine gute Mischung zu finden, versuche aufzupassen hier nicht zu locker und in Istanbul nicht zu pünktlich zu sein (lacht). Es geht mir aber im Vergleich nicht um besser oder schlechter, beide Länder haben ihre ganz besonderen Qualitäten.
Wie sieht die Welt aus, die Sie sich für Ihren Sohn Noah erträumen?
Auf jeden Fall sollte sie ohne Gewalt auskommen und ein hohes Maß an Zufriedenheit ausstrahlen. Aber es sollte auch eine Welt sein, in der nicht alles auf dem goldenen Tablett serviert wird und man für Erfolge hart arbeiten muss. Ich versuche ihn seine Herkunft nicht vergessen zu lassen und ihm meine Werte zu vermitteln. Erziehung ist der wichtigste Baustein für eine gerechte Welt. Dann ist es auch völlig egal woher jemand kommt, wenn er sich integrieren will, muss man ihn als das sehen was er ist, als Mensch.
Steckbrief
Mike Galeli
Geboren: 23. Oktober 1967 in Istanbul (kam mit 3 Jahren nach Bludenz)
Familienstand: Seit 21 Jahren Lebensgemeinschaft mit seiner Partnerin Renate
Kinder: Sohn Noha (5 Jahre)
Geschwister: 3 Brüder und 3 Schwestern
Beruf: Schauspieler (derzeit Hauptrolle in „Boeing Boeing“ am Vorarlberger Volkstheater)
Hobbys: Schwimmen, Fußball, Reisen, Fitness
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