„Wir müssen zum Land der Chancen werden!“

Für das österreichische Bildungssystem steht die Uhr auf fünf nach Zwölf. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern läuft einiges unrund, wie auch die PISA-Studie regelmäßig beweist.

Die Schule stellt sich der Herausforderung, Kinder und Jugendliche auf ihre Zukunft vorzubereiten. Tag für Tag stehen tausende Lehrerinnen und Lehrer in Österreichs Klassenzimmern und vermitteln theoretisches oder praktisches Wissen, ertüchtigen Körper, regen den Sinn für Kreativität an und haben zudem eine wichtige Funktion bei der Förderung von sozialen Kompetenzen. Dies tun sie in den unterschiedlichsten Schultypen, von der Volksschule über die Gymnasien bis hin zur Handelsakademie oder HTL. Sehr früh, wenn man den internationalen Vergleich bemüht, werden die zu unterrichtenden Kinder dabei in Gruppen gesplittet. Eine Entscheidung mit nicht immer objektivierbarem Hintergrund und weitreichenden Folgen.

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Das gesamte System muss hinterfragt werden

„In Frankreich beispielsweise besuchen Kinder und Jugendliche sechs Jahre lang eine gemeinsame Schule, bevor über die weitere Schullaufbahn entschieden wird. In Schweden sind es sogar neun gemeinsame Jahre.“ erklärt der Leiter des Bereiches Bildungspolitik der AK Vorarlberg, Gerhard Ouschan. Österreichischen Schülerinnen und Schülern gesteht man vier Jahre Volksschule zu, um Talent und Eignung zu zeigen und sich für eine höhere Schule zu empfehlen. Wie wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, spielt bei dieser Einteilung oft auch der familiäre Bildungshintergrund der eine große Rolle. Was die Chancen für Kinder mit bildungsfernem Hintergrund stark mindert. „Eine Reform des Schulwesens darf nicht nur hier und da an ein paar Schrauben drehen, es muss das gesamte System hinterfragt und auf Fehlentwicklungen abgeklopft werden. Wir liegen mit den Gegebenheiten in unserem Bildungsbereich bereits jetzt schon einen entscheidenden Schritt hinter dem Gros der europäischen Staaten.“ so Ouschan.

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Änderungen in den Schulstrukturen notwendig

Um als Land zukunftsfähig zu bleiben, müsse jeder eine faire Bildungschance bekommen, die nicht von Herkunft, Geschlecht oder sozialem Status abhängig sei. „Wir können uns keinen Aufschub mehr leisten. Änderungen müssen so schnell wie möglich auf Schiene gebracht werden und das sollte neben den Schulstrukturen auch im Bereich Lehrerausbildung und Besoldungssystem geschehen.“ führt der AK-Bildungsexperte aus. Zum Beispiel bleibe in Schweden im Normalfall ein Klassenverband über die gesamten neun Jahre in der selben Zusammensetzung bestehen, was immense Vorteile für alle Beteiligten mit sich bringe. „Schülerinnen und Schüler werden befähigt, stabile und langfristige Bindungen aufzubauen. Sie bekommen die Möglichkeit Persönlichkeit zu entwickeln, weil sie ihre Stärken entdecken und entfalten beziehungsweise Schwächen gemeinsam abgebaut werden können.“ sagt Ouschan. Dies sei ein neuer Zugang in Richtung Sozialisierung, insbesondere auch deshalb, weil ein mehr an Erziehungsarbeit von der Schule geleistet werden müsse als noch in den vergangenen Jahrzehnten. Man dürfe auch nicht davor zurückscheuen alte Zöpfe ohne Wenn und Aber abzuschneiden.

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Schule ist ein Zusammenspiel aus Schülern, Elternhaus und Lehrkräften

Um aber nachhaltige Ergebnisse zu erzielen, sei es unabdingbar Experten damit zu befassen und nicht in politischen Klausuren über Beistriche zu streiten. „Was wir auf keinen Fall zulassen dürfen, ist, einen Sündenbock zu suchen. Die Lehrer an den Pranger zu stellen nützt niemandem etwas, Schule ist ein Zusammenspiel aus Schülern, Elternhaus und Lehrkräften. Nur wenn diese Zahnräder ineinander greifen, kann es funktionieren. Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu zementieren wäre kontraproduktiv und unzeitgemäß. Wir müssen zu einem Land der Chancen werden und die Verhinderungsmechanismen, die der Amtsschimmel mit sich bringt, abstellen“, so Ouschan abschließend.

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Kommentar von Gerhard Ouschan, AK-Bildung:

Der Spaß des Lebens

Kommen Kinder in die Volksschule, hören sie, als eine der ersten großen Weisheiten ihrer Schullaufbahn, „jetzt beginnt der Ernst des Lebens“. Wir vermitteln ihnen damit, dass bis jetzt Spaß angesagt war und mit dem Eintritt in die erste Klasse dieser ein Ende hat. Dass man auch beim Lernen Spaß haben kann, schließt sich also forthin aus. Ernst machen jetzt auch schon die Lehrergewerkschaften, mit ihrer Kampfansage an Unterrichtsministerin Claudia Schmied, auf die, laut Aussendung eben dieser Gewerkschaft, ein „heißer Schulherbst“ wartet. Ein Protest der verfrüht erscheint, weil noch gar keine genauen Details über die Verwaltungsreform oder das neue Dienstrecht bekannt sind. Bei tiefgreifenden Veränderungen werden alle etwas verlieren und alle etwas gewinnen, es sollte aber nicht Kampf gesucht werden, sondern Konsens.

Österreich investiert im OECD-Vergleich mit am meisten in sein Bildungssystem, bekommt aber laut PISA nur Mittelmaß heraus. Die unzähligen Basiskurse, die wir im niederschwelligen Bereich abhalten, zeigen uns, dass die Erwachsenenbildung häufig die Reparaturwerkstätte des Bildungssystems ist. Auch muss sich der Lehrkörper bewusst darüber werden, dass Schule keinen Selbstzweck erfüllt, sondern auf die Bedürfnisse der Gesellschaft und auch der Wirtschaft reagieren muss. Dabei dürfen Begriffe wie „Mittelschule“ oder „individuelle Betreuung“ nicht gleich Abwehrhaltungen erzeugen. Es sind nur Worte, die von beiden Seiten mit Sinn gefüllt werden sollten. Was Ministerin Schmied aber nicht darf, ist ein Sparkonzept ausarbeiten, es muss ein Förder- und Optimierungskonzept sein. Es braucht Infrastrukturen, die allen – Lehrern wie Schülern – professionelles Arbeiten ermöglicht. Kinder und Jugendliche mit Details und Formeln zu füllen, mag der einfachste Weg sein Unterricht zu halten, viel wichtiger ist es aber, sie zu kompetenten Persönlichkeiten zu erziehen, die vermitteltes Wissen zu hinterfragen im Stande sind und vernetzte Zusammenhänge erkennen. Dann lernen sie wirklich für ihr Leben und haben möglicherweise sogar Spaß dabei.

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